Simon Kramis


Institut für prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie (IPNA)
Spalenring 145 
CH-4055 Basel

und 

Römerstadt Augusta Raurica

Tel.: ++41 61 816 22 29

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Allgemeine Forschungsinteressen
Publikationen  


Laufende Dissertation:

„Verscharrt, entsorgt, beseitigt?“
Römerzeitliche Skelette und Einzelknochen ausserhalb der Friedhöfe aus der Koloniestadt Augusta Raurica (BL/AG)

Menschliche Überreste innerhalb von Siedlungen sind aus vielen römerzeitlichen Fundstellen bekannt. Die Interpretation dieses Phänomens stellt die Archäologie vor Probleme, da eine solche Praxis in deutlichem Widerspruch zum römischen Recht steht, welches unter anderem das Bestatten und Verbrennen innerhalb der Stadtmauern untersagte (Zwölftafelgesetz Tabula X, 1). Daneben bestätigen unzählige archäologische Untersuchungen das regelhafte Bestatten in Nekropolen extra muros.

Innerhalb römerzeitlicher Siedlungsperimeter verortete Skelette, Teilskelette und Skeletteile waren zumeist Gegenstand isolierter Teilstudien seitens der physischen Anthropologie. Populär geworden sind Brunnen mit menschlichen Überresten in der Verfüllung, die als aussergewöhnliche Verstösse gegen juristisch-religiöse Gepflogenheiten im Rahmen von Massakern („Germaneneinfälle“) gedeutet wurden (Müller 1975, Markert & Markert 1986, Schröter 1990). Intramurale Deponierungen von Perinaten wurden zuweilen ebenfalls als Verstoss gegen das Zwölftafelgesetz, jedoch des Öfteren auch als Phänomen eines gewohnheitsrechtlichen Umgangs mit dieser Altersgruppe betrachtet (Schweissing 1997). Funde von Einzelknochen auf Siedlungsgebiet wiederum fanden bei Vorhandensein traumatischer Spuren isoliert Eingang in die Literatur (Wahl & Planck 1989, Wahl 1991a, Wahl 1991b). Eine der Latènezeit analoge Betrachtungsweise auf phänomenologischer Ebene ist für die römische Epoche, möglicherweise aufgrund reichhaltig vorhandener grabrechtlicher Quellen (pars pro toto: Kaser 1978; Noethlichs 1979/80), jedoch bislang nicht erfolgt.

Schaedel Augusta Raurica/Kaiseraugst (1963.14177 Bireten): Siedlungsfund einer Schädelkalotte eines männlichen 50-60 jährigen Individuums mit Verdacht auf Lochdefekt am Os frontale rechts. Aufgrund der Erhaltung ist eine definitive Beurteilung problematisch.


Fragestellung & Zielsetzung

• Sind die Skelette direkt bzw. primär abgesetzt worden?
• Woher stammen die einzeln auftretenden Skelettelemente?
• Gibt es Hinweise auf eine systematische Auswahl an Skeletteilen bei Deponierungen innerhalb der Siedlung?
• Gibt es Hinweise auf eine einseitige Geschlechts- und Altersverteilung bei Deponierungen innerhalb der Siedlung?
• Bestehen Unterschiede im Umgang mit Toten unterschiedlicher Altersgruppen innerhalb der Siedlung?
• Welche Frequenzen von Verletzungen und degenerativen Erkrankungen liegen bei den Deponierungen vor?

Ziel des Projektes ist es, sämtliche Knochenfunde menschlicher Überreste aus dem Siedlungsperimeter der Römischen Koloniestadt Augusta Raurica auf möglicherweise vorhandene Merkmalsmuster hin zu untersuchen. Diese Merkmale beinhalten anthropologische (z.B. Geschlecht, Sterbealter) und taphonomische (z.B. Oberflächenerhaltung, Tierverbiss) Daten. Daneben sollen die Funde (insbesondere auch die Altfunde) auf Grundlage des Siedlungsplanes kartiert werden. Es sollte auch möglich werden abzuschätzen, inwiefern Deponierungen innerhalb von Siedlungsgebieten dem Katalog an Möglichkeiten des Umgangs mit Toten in römischer Zeit hinzugefügt werden müssen.

neonat Augusta Raurica/Kaiseraugst (2007.006.F05160.1): Teile einer Blockbergung vor der Reinigung. Perinates Individuum aus dem Inneren eines Streifenhauses.


Vorgehensweise

Die unvollständige bzw. inhomogene Erhaltung der Skelettreste macht eine Datenaufnahme auf Basis von Einzelknochen sinnvoll. Dem daraus erstellten Skeletteilspektrum können Anteile der auf Siedlungsgebiet vertretenen Skelettelemente entnommen und desweiteren untereinander, etwa nach Siedlungszonen, sowie mit einer Referenzserie aus einem zeitnahen Friedhof extra muros verglichen werden. Hierbei könnten signifikante Unterschiede zwischen intramuralen und „ordnungsgemässen“ Skelettfunden sichtbar werden, die einer weiteren Begründung bedürfen.

Analog der Archäozoologie werden taphonomische Daten erhoben, die im Rahmen forensischer Anthropologie insbesondere Hinweise auf den Zeitpunkt und den Zustand bei der Ablagerung sowie die Dauer der Oberflächenexposition (etwa durch Verbisspuren) von Knochen liefern können.

Die Kartierung einzelner und verknüpfter Merkmale dient der weiteren Analyse sowie der Illustration. So könnte eine Massierung bestimmter Eigenschaften in Verbindung mit der Verortung interessante Hinweise für eine weitere Deutung liefern. Die Verortung, gerade von älteren Funden stellt den Bearbeiter aber aufgrund fehlender Dokumentation teilweise vor einige Probleme.

Schliesslich ist innerhalb eines definierten Arbeitsgebietes eine Literaturstudie vergleichbarer Funde angestrebt.

 

Literatur

• Max Kaser, Zum römischen Grabrecht. Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte 95, 1978, 15-92.
• Dieter Markert; Beate Markert, Der Brunnenschacht beim SBB Umschlagplatz in Kaiseraugst 1980: Die Knochen. Jahresbericht aus Augst und Kaiseraugst 6, 1986, 81-123.
• Norbert Müller; Günter Lange, Ein menschliches Skelett aus dem Brunnen einer Villa rustica bei Frankfurt a.M.-Schwanheim. Fundberichte aus Hessen 15, 1975 (1977), 315-326.
• Karl Leo Neothlichs, Griechisch-römischer Totenkult und seine staatliche Reglementierung. Alma Mater Aquensis XVII, 1979/1980, 106-118.
• Peter Schröter, Zur Anthropologie der römischen Kaiserzeit im Regensburger Raum. In: Thomas H. Fischer, Das Umland des römischen Regensburg (München 1990).
• Mike Schweissing, Die römischen Säuglingsskelette aus Rheinzabern. Beiträge zur Archäozoologie und Prähistorischen Anthropologie 1, 1997, 86-89.
• Joachim Wahl; Dieter Planck, Ein menschliches Kalottenbruchstück als Schöpf- oder Grabgerät. Fundberichte aus Baden-Württemberg 14, 1989, 373-385. • Joachim Wahl, Ein menschlicher Brustwirbel mit Tranchierspuren.
• Joachim Wahl, Kapitel D. Mensch. In: Sigrid Frey, Bad Wimpfen I. Osteologische Untersuchung an Schlacht- und Siedlungsabfällen aus dem römischen Vicus von Bad Wimpfen (Stuttgart 1991) 160-161.

 

Partnerschaften

Die Betreuung der Dissertation erfolgt durch:

• Prof. Dr. Jörg Schibler, Institut für prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie, Universität Basel
• Prof. Dr. Peter-Andrew Schwarz, Seminar für Ur- und Frühgeschichte, Universität Basel
• Dr. Gerhard Hotz, Abteilung Geowissenschaften, Naturhistorisches Museum Basel


Folgenden Personen & Institutionen bin ich zu Dank verpflichtet:

• Römerstadt Augusta Raurica
• Stiftung Pro Augusta Raurica PAR
• Prof. Dr. Joachim Wahl Regierungspräsidium Stuttgart, Landesamt für Denkmalpflege Arbeitsstelle Konstanz, Referat 84, Osteologie
• Prof. Dr. Roland Hausmann, Institut für Rechtsmedizin, Universität Basel
• Viera Trancik Petitpierre, Archäo-Anthropologischer Dienst, Aesch
• Lic. Phil. Felix Engel Anthropologie Albert-Ludwigs-Universität Freiburg / Br.
• MA Christian Meyer Institut für Anthropologie Mainz Universität Mainz
• Dr. Sabine Deschler-Erb Institut für prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie Universität Basel
• Evi Bieler Zentrum für Mikroskopie Basel Universität Basel
• Römerstadt Augusta Raurica
• Naturhistorisches Museum Basel





Allgemeine Forschungsinteressen:

• Aspekte der Gewalt in Anthropologie und Archäologie
• Versuche der Konvertierung anthropologischer in medizinische Informationen
• Dental-anthropology zur Identifizierung von „habits“ und zur Gesundheitsevaluation
• Anthropologie und historisches Tonpfeifenrauchen
• Unterwasserarchäologie (Schiffsarchäologie, Bergungstechnik)




Publikationen:

Lukas Kofmehl, Andreas Filippi, Univ. of Basel (Switzerland); Gerhard Hotz, Natural History Museum Basel (Switzerland); Dorothea Dagassan-Berndt, Simon Kramis, Hans Deyhle, Georg Schulz, Univ. of Basel (Switzerland); Bert Müller, Basel Univ. Hospital (Switzerland), Quantification of tooth abrasion. SPIE Paper 7804-50 (in Vorb.)

Simon Kramis, Fabian Link, Gerhard Hotz, Absolute Datierung von neuzeitlicher Keramik anhand identifizierter Skelette. as – Archäologie Schweiz 32.2009.1, 30-33.

Simon Kramis, Oberriet SG-Montlingen, Kapf. Neue Ausgrabungen am Südhang der Höhensiedlung. Jahrbuch AS 91, 2008, 116-126.

Gerhard Hotz, Lucas Burkart, Liselotte Meyer, Simon Kramis, Fabian Link, Von der konservierenden Anthropologie zur sozialgeschichtlichen Interpretation. Museum Aktuell – Zeitschrift für Ausstellungspraxis und Museologie im deutschsprachigen Raum. Mai-Ausgabe 2008.

Simon Kramis, Tonpfeifenraucher aus Basler Friedhöfen – Anthropologische und historische Aspekte des Tabaktrinckens. Knasterkopf – Fachzeitschrift für Tonpfeifen und historischen Tabakgenuss 20, 2007 (2008), 41-44. Pdf.

Gerhard Hotz, Liselotte Meyer, Simon Kramis, Fabian Link, Wer war „Theo“ der Pfeifenraucher? Uni Nova Wissenschaftsmagazin der Universität Basel 108, 2008, 32-34.

Gerhard Hotz, Liselotte Meyer, Simon Kramis, Fabian Link, Theo, der Pfeifenraucher. Aus dem Leben eines Kleinbaslers um 1800. Basler Stadtbuch 2007 (Basel 2008).

Simon Kramis, Dental Traces of Smoking. In: Gesellschaft für Anthropologie e.V. (Veranst.). 6. Kongress der GfA, Abstracts (Facetten der modernen Anthropologie München 13.-16.09.2005). München, Eigenverlag, 2005.